Längst verloren, noch immer tödlich
Ein Fischernetz, das verloren geht, verschwindet natürlich nicht einfach. Es kann noch lange im Meer treiben, am Meeresboden liegen oder sich an Felsen, Wracks und anderen Strukturen verfangen. Für Fische, Krebstiere, Meeressäuger und Seevögel kann es dabei zu einer Falle werden, die sich selbst immer wieder neu aktiviert. Eine teuflische Kettenreaktion entsteht:

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies ist sich sicher: Jeder Schritt zählt
Wie unsichtbar dieses Problem normalerweise bleibt und wie wichtig es ist, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wurde bei einem hohen Besuch Ende Juli besonders deutlich: Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies nahm sich die Zeit nach Neuharlingersiel zu kommen und sich über unser gemeinsames Geisternetz-Projekt zu informieren, welches in diesem Jahr erneut stattfindet. Seit 2022 setzt sich das Projekt für die Bergung verlorener Fischernetze aus der Nordsee ein. 2025 hatte Lies sogar die Schirmherrschaft des Projekts übernommen, um darauf aufmerksam zu machen. Als ehemaliger Umweltminister begleitet Olaf Lies die Themen Umwelt-, Klima- und Küstenschutz seit vielen Jahren. Entsprechend groß ist sein Interesse an unserer Mission. Er würdigte den Einsatz aller Beteiligten, die sich mit viel Leidenschaft für den Schutz der Meeresumwelt engagieren. Seine Botschaft bringt es auf den Punkt: „Jeder kann etwas für seine Umwelt tun – egal, wie groß der Aufwand ist. Man muss nur anfangen.“
1,8 Tonnen – ein guter Anfang!
So viele Geisternetze haben wir und unsere Partner dank den Tauchern von Ghost Diving Germany in den vergangenen Jahren bereits aus der Nordsee holen können. Die Dimension des Problems ist kaum vorstellbar: Würde man die Fischereiausrüstung, die weltweit in unseren Meeren umhertreibt oder am Meeresboden liegt, aneinanderreihen, könnte sie die Erde 18-mal umspannen. Zu großen Knäueln verfangen, können Geisternetze mehrere Tonnen wiegen. Ihre Bergung ist anspruchsvoll: Die Taucher kämpfen mit Gewicht, Strömung, Wetter und Gezeiten. Auch das Material macht Geisternetze so problematisch, denn während Fischernetze bis in die 1960er-Jahre überwiegend aus Naturfasern gefertigt wurden, bestehen sie heute meist aus synthetischen Kunststoffen. Was beim Fischen von Vorteil ist – Robustheit und Langlebigkeit – wird im Meer zur Gefahr. Je nach Material können mehrere Jahrhunderte bis zum Zerfall der Netze vergehen.
Schätzungen zufolge verenden jährlich mehrere Millionen Meerestiere und Seevögel durch herrenlose Fischereiausrüstung. Für gefährdete Arten kann jedes weitere Tier die Überlebenschancen ganzer Populationen verschlechtern.



Geisternetze, die bei unserem Projekt 2023 aus dem Meer geholt wurden.
Wenn das Problem an der Wasseroberfläche sichtbar wird
Manchmal wird etwas erst dann wirklich sichtbar, wenn es nicht mehr übersehen ist. Buckelwal „Timmy“, der sich im Frühjahr 2026 in der Ostsee verirrt hat, ist ein besonders eindrückliches Beispiel für die Gefahr verlorener Fischereiausrüstung. Mehrfach geriet er in Fischernetze und musste daraus befreit werden. Teilweise war von Netzresten die Rede, die sich über viele Dutzend Meter hinter dem Tier hergezogen haben sollen. Besonders alarmierend: Während seiner Rettungsphase wurde ein Netzrest in seinem Maul vermutet. Experten befürchteten, dass dies die Nahrungsaufnahme des ohnehin geschwächten Tieres beeinträchtigt hat.
„Timmy“ überlebte die wochenlange Odyssee nicht. Der Wal wurde später tot vor der dänischen Insel Anholt gefunden. Bei der Untersuchung des Kadavers wurden allerdings weder im Maul noch im Magen Netzreste gefunden – auch eine eindeutige Todesursache ließ sich nicht feststellen.
Und trotzdem zeigt „Timmy“, wie gefährlich Geisternetze sein können: Tiere können sich mehrfach verfangen, ihre Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt und im schlimmsten Fall sogar die Nahrungsaufnahme behindert. Was für uns unter der Wasseroberfläche unsichtbar bleibt, kann für ein Meerestier zu einer lebensbedrohlichen Belastung werden. Und genau deshalb holen wir die Geisternetze an die Oberfläche und aus dem Meer – um das Problem für alle sichtbar zu machen.
Wie genau solch ein Tauchgang nach Geisternetzen abläuft und was die Taucher von Ghost Diving Germany über ihre Missionen zu erzählen haben, das wird im nächsten Blogartikel erklärt!
Der Countdown läuft!
Vom 14. bis 16. September 2026 holen wir wieder Geisternetze aus dem Meer! Wer dieses beeindruckende Spektakel aus nächster Nähe beobachten möchte, kann sich hier bewerben: